Sexismus in Videospielen: Ein Erklärungsversuch

Das Thema Sexismus ist schwierig und gerade als Mann die Sache zu durchblicken und überhaupt zu erkennen noch viel schwieriger. Ich versuche das jetzt einmal.

Dead Island und der Torso

Ich habe Dead Island nicht gespielt und von seinem Nachfolger bislang nicht viel gesehen. Deshalb kann ich nicht beurteilen, ob das Spiel sexistisch ist. Ich zweifle nicht wirklich daran, aber betrachten wir doch einfach die Büste und das Thema sexistische Werbung/PR.

Ja, das Ding ist hässlich und ich würde es mir nicht in die Wohnung stellen. Das erst einmal vorweg. Aber der Torso geht noch viel weiter. Hier wird ganz einfach und primitiv mit Brüsten geworben. Alles andere was davon ablenken könnte, wird abgehackt und entstellt. Die Objektifizierung und Reduzierung der Frau auf ihre sekundären Geschlechtsmerkmale in Perfektion. Und wen hatten die Menschen hinter dieser Büste im Sinn als sie diese entworfen haben? Eine bestimmte Zielgruppe.

Die Kernfrage der Zielgruppe

Wer ist die Zielgruppe? Hetereosexuelle Männer. Für diese sind Videospiele gemacht. Ich meine mich an Studien zu erinnern die besagen, dass inzwischen aber um die 50% der Zielgruppe weiblich sind. Die Büste zeigt eindrucksvoll wie sehr Videospiele für heterosexuelle Männer gedacht sind und an diese vermarktet werden. „Frauen interessieren uns nicht. Hier habt ihr eure Titten. Viel Spaß damit.“ Das schreit dieser Torso förmlich hinaus. Das ist der Punkt an dem die Branche sich momentan befindet. Natürlich ist das für „uns“ als heterosexuelle Männer erst einmal schwer zu verstehen. „Sind doch nur Brüste. Ist doch nicht schlimm.“ Es zementiert den Boys Club, der das Medium Videospiele noch immer ist. Hier verweise ich auf diesen Artikel, der das Ganze noch einmal ganz gut beschreibt. Schaut euch notinthekitchenanymore an und die sexistische und allgemein diskriminierende Sprache bei Multiplayer Games. Boys Club. „Das hier ist nichts für Frauen. Geht in die Küche und macht mir ein Sandwich.“

Noch immer Zweifel? Anita Sarkeesian startet ein Kickstarter Projekt, in dem sie auf Sexismus in Videospielen aufmerksam machen will. Das Ergebnis: Ein verstörender Shitstorm voller Vergewaltigungs- und Morddrohungen. All diese Spiele, all diese Werbung und PR, all diese Reaktionen. Das alles schreit „Das hier ist für Männer. Hier haben Frauen nichts zu suchen.“ Sexismus fängt da an, wo grob 50% unserer Bevölkerung ignoriert und diskriminiert werden und das ist leider in diesem Medium der Fall. „Sex sells“, natürlich. An heterosexuelle Männer.

„Wir“ sehen den Sexismus nicht, weil viele Produkte und ihre Werbung für „uns“ gemacht sind. Für heterosexuelle Männer. Das ist ja das Problem. Das Ungleichgewicht. Es ist nicht so, dass es keine Frauen in Videospielen gäbe, aber ihre Rollen und ihre charakterlichen Eigenschaften sind nun einmal schwer begrenzt. Charakterlose Sextoys, Belohnungen, Trophäen und so weiter. Sexismus ist nicht ein Problem, das getrennt in verschiedenen Medien und Erscheinungsformen zu sehen ist. Es ist ein gesellschaftliches Problem, das seinen Weg dorthin findet. Es besteht ein großer Graben zwischen Frauen und Männern in unserer Gesellschaft, der durch veraltete Rollenbilder und Strukturen geschaffen und zementiert wird. Die Gleichstellung der Frauen hört nicht auf dem Papier auf, durch gleiche Rechte. Das größere Ungleichgewicht besteht in den Köpfen. Der Default ist bei uns der weiße, hetereosexuelle Mann und das gilt nicht nur für Videospiele. Das ist die generelle Zielgruppe. Das ist gerade als Bestandteil der Zielgruppe schwierig zu erkennen und sich einzugestehen, denn wir sind die Priviligierten für die der Großteil zugeschnitten wird.

Hier muss ein Gleichgewicht hergestellt und Teilhabe ermöglicht werden. Das geht nur eben viel weiter als den meisten von uns überhaupt bewusst ist.

Die vermeintlich starken Frauen

„Aber es gibt doch starke Frauen!“ höre und lese ich oft. Als Beispiele werden hier Games wie Dead or Alive, Bayonetta oder Lollipop Chainsaw angeführt. Ja, diese Frauen sind stark, aber nur im körperlichen Sinne. Sie hauen Menschen, Monstern und Zombies auf die Fresse. Aber trotzdem sind sie alle klar für Männer ausgelegt und weniger darauf, dass sich Frauen mit ihnen identifizieren sollen. Sie sind übersexualisierte Sexpuppen, die für das männliche Auge entsprechend in Szene gesetzt werden. Wirkliche Charakterzüge haben sie kaum.

Fangen wir mit Dead or Alive an. Sexismus? Aber hallo. DoA ist geradezu lächerlich sexistisch. Frauen gibt es dort nur als blutjunge, schlanke Sextoys mit riesigen Brüsten. Sogar an eine völlig unsinnige Brüste-Physikengine wurde gedacht, die alles total absurd umherwackeln lässt. Komplett lächerlich. Hier ist wieder das Frauenbild, das uns in Videospielen vermittelt wird und das bestimmt nicht dafür sorgt, dass Gamerinnen vor Freude aufschreien und sich dadurch vernünftig repräsentiert fühlen.

Lollipop Chainsaw habe ich nicht gespielt, aber im Grunde greift hier wahrscheinlich dasselbe Argument. Knapp bekleidete Frau, deren Brüste und Unterhöschen ständig von der Kamera genau unter die Lupe genommen werden, soweit ich weiß. Sexismus ahoi! Starke Frau? Körperlich stark vielleicht. Ansonsten scheinbar eine charakterlose Sexpuppe, die für den männlichen Betrachter in Szene gesetzt wird.

Bayonetta habe ich gespielt. Selbes Prinzip wie oben. Ich glaube die einzige Eigenschaft, die Bayonetta neben auf die Fresse hauen hatte, waren Muttergefühle und Fürsorge. Auch nicht unbedingt ein progressives, umfassendes Frauenbild.

Die Zahl wirklich starker Frauen, also starker Charaktere, ist erschreckend begrenzt. Schaut doch mal in euer Regal und kontrolliert in welchen Spielen Frauen die Hauptrolle übernehmen und dann wie sie dargestellt werden. Selbst bei Nebencharakteren wird das Eis dünn. Schaut noch einmal in diesen Artikel. Mir wären spontan auch am ehesten Alyx aus Half-Life 2 und Jade aus Beyond Good and Evil eingefallen. Ansonsten vielleicht noch Mass Effect. Dort lässt sich immerhin auswählen welches Geschlecht der Hauptcharakter haben soll und hier sind erfreulicherweise sogar homosexuelle Romanzen möglich.

Das neue Tomb Raider

Weiter geht es also mit Tomb Raider. Dazu kann ich wenig sagen. Das Spiel ist noch nicht erschienen und ich habe wenig davon gesehen und gelesen. Was ich bislang gehört habe, klingt aber auch nicht unbedingt toll. Lara stolpert von einer Falle in die nächste und krepiert alle 5 Minuten halb, nur um im Spiel selbst als Bad-Ass alles niederzumähen und chancenlos überlegen zu sein. Ludonarrative Dissonanz in Perfektion. Zum Charakter von Lara ist bislang wenig bekannt. Hier glänzten die Entwickler halt mit ihrer Boyfriend-Aussage. Es geht also nicht um Lara, sondern um den männlichen Spieler vor dem Bildschirm, der die arme Frau beschützen muss. Wie das letztenendes tatsächlich im Spiel aussieht und ob dies der Fall ist, kann ich so noch nicht beurteilen. Die versuchte Vergewaltigung habe ich ebenfalls nicht gesehen. Es löst bei mir im ersten Moment einen faden Beigeschmack aus, weil offenbar mit Stärkung von Laras Charakter argumentiert wird. Eine Frau muss halt immer erst einmal (fast) vergewaltigt worden sein, damit sie über sich hinaus wächst und stark und hart wird. Mit der Realität hat das wohl eher weniger zu tun. Die wenigsten Frauen und Mädchen, die Erfahrungen mit sexueller Belästigung und Vergewaltigung gemacht haben, dürften dadurch gestärkt worden sein. Das Gegenteil ist der Fall. Leider ein gern genutztes Trope, nicht nur in Videospielen.

Sexismus bei Männern?

In diesem Artikel ist die Rede von Max Payne als Beispiel für einen stereotypen Mann. Ist Max Payne sexistisch? Nein, das ist es nicht, jedenfalls nicht in Bezug auf Max als Charakter. Er ist ein männlicher Charakter unter hunderten, tausenden verschiedenen und facettenreichen Männern in diesem Medium. Zumindest facettenreicher als die Frauen. Er ist ein Charakter mit einer langen Geschichte, einem Schicksal. Er ist zum verzweifelten, brutalen Säufer geworden weil er seine Familie verloren hat. Eine Geschichte, die über drei Spiele und viele Stunden erzählt wurde. Natürlich ist daran nichts sexistisch. Wenn nun alle Videospiele voll wären von facettenreichen Frauen, die interessante und abwechslungsreiche Hintergrundgeschichten bieten und der Großteil der Männer als versoffene, brutale Arschlöcher dargestellt wird, dann dürften wir Männer vielleicht auch ein bisschen Sexismus schreien. Aber davon sind wir Lichtjahre entfernt. Das Gegenteil ist der Fall. Männer können aus einer Vielzahl von Charakteren wählen, Frauen nicht. Das sollten wir erkennen und das sollten wir auch ruhig anprangern dürfen.

Ein Appell

Wir müssen weg von den normschönen, eindimensionalen Charakteren. Das ist der Status Quo in der Branche. Ich würde mich freuen, wenn sich das Angebot viel öfter weiter davon entfernen würde. Weibliche Charaktere mit Makeln, mit Ecken und Kanten, mit Fehlern. Mehr echtes Leben, mehr Empathie, mehr Gefühl, mehr Realismus, mehr Geschichten, mehr Diversität, mehr Abwechslung. Keine normierte Schönheit, weder äußerlich, noch innerlich. Gebt Entwicklerinnen den Vortritt. Der Hashtag #1ReasonWhy hat gezeigt wie viel Potential es gibt und wie viele Frauen in der Branche nicht gehört werden.

Das alles heißt nicht, dass wir unsere Spiele nicht mehr genießen dürfen. Ich finde es aber erfreulich, dass das Thema nicht mehr unter den Teppich gekehrt und als belanglos bezeichnet wird. Wir können anfangen auf Missstände aufmerksam zu machen und trotzdem Spaß haben. Niemand möchte uns etwas wegnehmen oder kaputt machen. Frauen wollen teilhaben an unserem Hobby und müssen genauso umfassend repräsentiert werden wie wir. Mehr Diversität und Inklusion wagen, liebe Entwickler und Spieler. Das macht unser Hobby am Ende nur noch besser.

tl;dr: Sexismus allgemein und in Videospielen heißt, dass Menschen aufgrund ihres Geschlechts abwertende/negative Eigenschaften zugeschrieben bekommen und/oder auf ihr Äußeres beschränkt werden. Das ist in Videospielen der Fall, gleichzeitig aber auch ein gesellschaftliches Problem massiven Ausmaßes. Es besteht ein großes Ungleichgewicht in der Darstellung von Frauen und Männern in Games. Frauen haben ein sehr begrenztes Repertoire an Rollen und Charaktereigenschaften und werden in vielen Fällen übersexualisiert, eindimensional und klischeehaft dargestellt. Das Medium und seine Werbung und PR ist zum Großteil auf heterosexuelle Männer ausgerichtet.

4 Gedanken zu “Sexismus in Videospielen: Ein Erklärungsversuch

  1. Peinlich so was. Besonders wenn ich es mit der männlichen Homo-Szene vergleiche. Da wird vieles mit nacktem Fleisch angeboten und garniert. Und keiner würde auf die Idee kommen, so etwas sexistisch zu finden.

    • Ich verstehe leider deinen Kommentar nicht so ganz. Beziehst du die dich mit „peinlich“ nur auf den Artikel oder die gesamte Debatte? Den Vergleich zur Homoszene finde ich hier nicht ganz passend, da es im Artikel im Ansatz um Werbung/PR, aber hauptsächlich um strukturellen Sexismus geht, der sich auch im Medium Videospiele wiederfindet.

  2. Schöner Artikel.
    Ich hatte mal in einem Artikel über die Stereotypen der Frauen in Videospielen von einem ähnlichen Thema gesprochen. Aber nach wie vor, sollte sich das ganze Thema (also abseits der Videospiele) vielmehr auf die wirklich wichtigen Auswüchse des Sexismus beziehen. Nämlich dann, wenn sich Frauen nicht mehr zur Wehr setzen können und durch anhaltenden Sexismus beleidigt, genötigt oder sonst wie verletzt werden.

    Sexismus ist etwas was man akzeptieren muss. Wir haben nunmal zwei / drei Geschlechter, die jeweils anders behandelt und erzogen werden. Hat schonmal jemand versucht einer Frau einen Kasten Bier anstatt Parfüm, Schmuck oder Blumen zu schenken? Nein? Sexismus!

    Hat schonmal jemand eine äußerlich abstoßende Frau als Haupt- oder Nebencharakter in einem Videospiel entdeckt? Nein? Sexismus!

    Gegenfrage: Wieviele hässliche Superhelden, Hauptfiguren in Videospielen gibt es denn? Klar, der unrasierte Anti-Held in manch einem Actionspiel würde jetzt nicht gerade als Werbeträger für ein Modemagazin herhalten, aber Sexappeal hat er trotzdem.

    Sexismus ist etwas, was in beide Richtungen stattfindet. Das wird viel zu oft unterschlagen. Wie oft wurde ich schon von Frauen oder Männern schief angeschaut, als ich erklärte, dass ich keinerlei Interesse daran habe mir Fußball anzuschauen.
    Wie kann ich als Mann nur lieber vor meinem PC sitzen, als mir das Finale der Fußballweltmeisterschaft anzuschauen?

    Das Problemfeld Videospiele bezieht sich meiner Meinung nach eher auf das vorhandensein von Stereotypen, als auf bewussten Sexismus alá „Ach das ist sowieso nur ne Frau, die muss in der Opferrolle sein und gut aussehen“ Hier also der Stereotyp vom strahlenden Ritter, der die hübsche Prinzessin rettet.

    Gutes Gegenbeispiel für kaum vorhandene Stereotypen (sowohl auf männlicher wie auch auf weiblicher Seite) ist Witcher 2.

    PS. darf ich einen Auszug aus deinem Artikel mit Link auf meinem Blog veröffentlichen?

    Liebe Grüße

    • Ich stimme dir da in weiten Teilen zu bzw. siehst du die gleichen Probleme, die ich auch sehe. Sexismus ist ja auch ein Ergebnis der von dir beschriebenen unterschiedlichen Rollenvorstellungen, die in unserer Gesellschaft vorherrschen. Das Problem ist aber, dass Frauen bei weitem mehr und deutlich gravierendere Nachteile dadurch erfahren. Klar, bekommst du vielleicht mal einen blöden Spruch gedrückt, wenn du dich nicht für Fußball interessierst. Das ist bei mir nicht wirklich anders.😉 Die wenigen Nachteile, die wir Männer vielleicht durch das die gesellschaftlich konstruierten Rollenbilder haben lassen sich aber meiner Meinung nach nicht mit der strukturellen Diskriminierung vergleichen, die gegenüber Frauen über Jahrhunderte konstruiert wurde. Das zieht sich von aktuellen Gesetzentwürfen (Betreuungsgeld) über Schwierigkeiten bei der Jobsuche (wenige Frauen in Führungspositionen) bis in unsere (Unterhaltungs-)Medien. Ich beschreibe hier letztlich ja nichts anderes als die Auswüchse im Medium Videospiele.

      Die The Witcher Spiele habe ich noch nicht gespielt. Sollte ich bei Gelegenheit vielleicht auch mal nachholen.

      Du darfst mich gerne auf deinem Blog verlinken/zitieren.🙂

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