Gone Home: Eine persönliche Geschichte

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Jedes Wort über Gone Home könnte schon eins zu viel sein und die eigene Erfahrung beeinflußen. Dieser Artikel enthält zwar keine Story-Spoiler, aber persönliche Eindrücke, Assoziationen und Geschichten, die ein komplett unbefangenes Spielen möglicherweise ein wenig beeinflußen können.

Ich bin in einem großen Haus aufgewachsen, das mein Ur-Opa gebaut hat. Die Aufteilung der drei Etagen hat sich mehrmals geändert. Die längste Zeit jedoch wohnten meine Großeltern in einer abgetrennten Wohnung im Erdgeschoss, im zweiten Stock waren Küche, Esszimmer, Wohnzimmer und Arbeitszimmer und oben die Kinderzimmer meiner Schwester und mir, das Schlafzimmer unserer Eltern und ein Bad. Unten drunter befand sich ein großer Keller mit mehreren Räumen und oben ein Dachboden mit schmaler Treppe und Falltür. Abgesehen von der großelterlichen Wohnung zog sich ein großes, offenes Treppenhaus durch das Haus, mit Fluren auf jeder Etage. Als Kind war mein Zuhause ein kleiner Abenteuerspielplatz, in dem es unglaublich viel zu entdecken gab. Besonders die zahlreichen Kisten, Schränke und Kommoden in Keller und Dachboden beherbergten unzählige Schätze: Ein Amiga mit haufenweise Spielen, verwirrende Uni-Ordner mit vielen Zahlen und Formeln, eine riesige Comicsammlung, ein altes Luftgewehr. Überall gab es etwas zu entdecken, das nicht nur ansich spannend war, sondern auch viel Geschichte, Vergangenheit und Charakter meiner Familie in sich trug. An das tolle Gefühl als Kind durch unser Haus zu schleichen und immer neue Dinge zu entdecken erinnere ich mich noch heute. Genau dieses Gefühl hatte ich beim Spielen von Gone Home. Ich durchstöbere ein riesiges Haus und erfahre immer mehr über meine Familie. Es fühlt sich an wie früher.

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Ich verliere mich also allein schon wegen des reinen Gameplays völlig in diesem Spiel. Dazu kommt aber, dass ich mich sehr stark mit der Protagonistin Katie identifizieren kann. Sie ist nur ein Jahr von zu Hause weggewesen, war aber kein Teil des jahrelang alltäglichen Familienlebens mehr. Ich bin vor ungefähr zehn Jahren zu Hause ausgezogen und es fühlt sich manchmal immer noch merkwürdig an, besonders weil ich als einziger nicht mehr da bin. Großeltern, Eltern und Schwester wohnen noch immer dort. Ich bin Gast in dem Haus, in dem ich groß geworden bin. Ich wohne in einer anderen Stadt, bin mangels Auto vergleichsweise selten zu Besuch und rufe viel zu selten an. Gleichzeitig geht das Leben all dieser Menschen weiter und manchmal falle ich aus allen Wolken, wenn mir in gesammelter Form Geschichten und Ereignisse erzählt werden, die ich verpasst habe. Aus diesem Grund schätze ich das nahende Weihnachtsfest sehr. Wir sind keine gläubige Familie und ich bin anfangs des Jahres (endlich) aus der Kirche ausgetreten. Trotzdem liegt mir Weihnachten wie kaum ein anderer Feiertag am Herzen, weil an diesem Tag die gesamte Familie zusammenkommt.

Vor einigen Wochen brachten meine Eltern die letzten Kisten mit Spielzeug aus meiner Kindheit und Jugend vorbei. Der Dachboden wurde eng und im Keller unserer Wohnung ist Platz. Es war ein komisches Gefühl nun wirklich die letzten Dinge entgegenzunehmen, die bislang noch in meinem Elternhaus standen. Die letzten physischen Wurzeln, die ich in meinem alten Zuhause hatte sind nun nicht mehr da. All diese Gedanken begleiteten mich beim Spielen von Gone Home.

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Dabei erzählt das Spiel selbst eine starke und fesselnde Geschichte, die mich kaum losgelassen hat. Die allein ist den Kauf schon wert. Gleichzeitig löste es aber noch viel mehr in mir selbst aus und trat eine ganze Lawine von Erinnerungen und Gefühlen los. So etwas schafft ein Spiel nur selten. In dem Ausmaß wie es hier geschehen ist, würde ich sogar von einer bislang einzigartigen Erfahrung sprechen. Deswegen gehören die zwei oder drei Stunden, die ich an zwei Abenden mit Gone Home verbracht habe zu den besten Spielmomenten des Jahres. Gemessen an der Spielzeit ist der Preis vergleichsweise hoch, gemessen an allem anderen jeden Cent wert.

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